• 06.02.2020
  • Notizie

«Wir überwinden die Einbahnstrasse Forschung – Praxis»

Felix Kienast
Immagine: Reinhard Lässig, WSL
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Felix Kienast
Felix Kienast (Immagine: Reinhard Lässig, WSL)

Von unpersönlichen Siedlungen gezeichnete Landschaften, emotionale Wildtierdebatten und Urbanität in den Alpen – der Bedarf an Forschungs- und Praxiswissen ist unbestritten. Deshalb bündelt die Akademie der Naturwissenschaften SCNAT seit einem Jahr Wissen im Forum Landschaft, Alpen, Pärke zum grössten Wissensnetz zu Natur- und Kulturlandschaften. Der Präsident des Forums, Professor Felix Kienast der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL im Gespräch.

Warum sollen grosse Wissensnetze Umweltprobleme bewältigen können?
Felix Kienast: Wissen wird überall geschaffen – in der Praxis, der Verwaltung, die ein Teil der Praxis ist, in der Forschung und der Gesellschaft. Das Wissen aus verschiedenen Bereichen und Disziplinen muss jedoch geordnet und zur Anwendung gebracht werden. Ein Beispiel dafür ist unser Forum Landschaft, Alpen, Pärke (FoLAP). Seit einem Jahr arbeiten wir an dem grössten Wissensnetz der Schweiz für Natur- und Kulturlandschaften. Etwas plakativ gesagt überwinden wir damit die Einbahnstrasse Forschung – Praxis.

Weshalb ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit so wichtig?
Wenn zum Beispiel im Frühjahr in den Alpen die Schneeschmelze beginnt und noch Starkregen dazu kommen, steht das Mittelland schon bald unter Hochwasser. Die Alpen beeinflussen die Städte und den periurbanen Raum im ganzen Land – wie auch umgekehrt. Die naturräumliche und wirtschaftliche Verknüpfung der verschiedenen Landschaften ist enorm. Deshalb macht es wenig Sinn, die einzelnen Räume isoliert zu erforschen.

Erwarten Sie mit dem FoLAP mehr Gehör in Politik und Gesellschaft?
Wir sind ein SCNAT Forum und setzen uns dafür ein, dass ein wissenschaftsbasierter Diskurs in Praxis, Politik und in der Gesellschaft etabliert wird. Solche Diskurse sind wichtig in Bereichen, die teilweise mit emotionalen, nicht immer faktenbasierten Entscheidungen konfrontiert sind.

Zum Beispiel...
Ein gutes Beispiel ist die Wildnisdebatte. Wie weit geht das Verständnis für den Wolf in der Bevölkerung? Etwa auch, wenn er am Nachmittag am Piz Mundaun in Obersaxen am Kinderskilift vorbeispaziert. Oder wie wird Wildnis in der Bevölkerung definiert, im Nationalpark erlebt. Und die Diskussion, wie ländlich die abgelegenen Regionen der Schweiz wirklich sind und wieviel Urbanität in den Alpen durch die Alpenstädte generiert wird.

Sie sind Präsident des Forums. Was war Ihre Motivation das Amt anzunehmen?
Ich bin ein neugieriger, offener Mensch und lerne gerne andere Blickwinkel kennen. Zugleich hatte und habe ich das Privileg, in mei- ner Forscherkarriere eine beispielhafte Interdisziplinarität zu leben. Als junger Jahrringforscher, wie auch heute mit meinen umweltpsy- chologischen Themen arbeite ich in interdisziplinären Teams. Diese Interdisziplinarität hat mich am Forum gereizt.

Mit welchen Forschungsfragen beschäftigen Sie sich selber aktuell?
Zum Beispiel welche Landschaftsvorstellungen Migranten aus anderen Kulturen haben und wie sie eine Ortsbindung über die Landschaft herstellen, oder wie man Landschaftsentwicklung mit Indikatoren messen kann. Eine weitere Fragestellung: Wie kann eine nachhaltige dezentrale Energieproduktion landschaftsverträglich und in gegenseitiger Anerkennung der Chancen und Risiken in den Produktions- und Verbrauchsregionen gestaltet werden?

Wie finden Sie mit den verschiedenen Disziplinen eine gemeinsame Sprache?
Interdisziplinarität beginnt dort, wo man etwas aus dem Blickwinkel einer anderen Disziplin zu verstehen versucht und Begriffe übersetzen kann. Das ist schon viel. Eine gemeinsame Sprache zu finden, ist das höchste der Gefühle, aber nicht immer möglich. Verschiedene Blickrichtungen zu verstehen und sie im Diskurs einzubauen ist bereits sehr wertvoll.

In der Wissenschaft etablieren sich Reputationsscores als Leitwährung bzw. Forschende müssen sich an Impact Factors messen. Werden Sie genügend Expertinnen und Experten für ihr Forum finden?
Das ist für jüngere Forschende ein ernstes Thema. Wir müssen Wege finden, dass sich ihr Engagement in der SCNAT in die Wissenschaftsmetrics übersetzen lässt. Zum Glück erkennen langsam auch Berufungsgremien den Wert von transdisziplinären Aktivitäten. Auch der Nationalfonds beurteilt Projekte zunehmend aus dieser Warte. Allerdings gibt es noch viel zu tun.

Die Grünen interessieren sich für Ihr Forum. Was ist mit dem rechten Flügel?
Ich glaube nicht, dass die drängenden Umweltthemen vor politischen Couleurs halt machen, mit Ausnahme der extremen Fälle der Klimaleugner, bei denen ich tatsächlich nicht weiss, wie sie in einen Dialog einzubetten sind. Die Mehrheit der Parteien will aber pragmatische Umweltlösungen. Mit dem Thema «Alpen, Pärke und Landschaft» bekommen wir glücklicherweise die Aufmerksamkeit in der Politik. Die Veränderungen der Alltagslandschaft sind täglich erlebbar und betreffen Menschen unabhängig vom politischen Denken.

Welchen Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis werden Sie fördern?
Praxis und Wissenschaft soll sich auf Augenhöhe begegnen. Dafür organisieren wir kommenden Herbst wieder einen grossen Landschaftskongress.

Auf Augenhöhe...
Das geschieht mit dem Prinzip der Tandempräsentation: Zwei Personen mit unterschiedlichen Perspektiven referieren über das gleiche Thema, etwa eine Wildbiologin zusammen mit einem Tourismusfachmann.

Wird der Nationalpark bei Zernez immer noch erforscht?
Pärke sind exzellente Gradmesser, wieviel unberührte Natur die Bevölkerung zulässt. Der Schweizerische Nationalpark wird seit seiner Gründung vor gut 100 Jahren beforscht. Die Datenreihen der Langfristmonitorings sind einzigartig. Verantwortlich für die Koordination der Forschung ist die Forschungskommission des Nationalparks der SCNAT, deren Geschäfte ebenfalls von unserer Geschäftsstelle in Bern geführt werden. Forschungsresultate aus dem Natio- nalpark sind heute allen zugänglich. Dadurch ist der Lebensraum des Parks erlebbar geworden und fördert das allgemeine Verständnis für Prozessschutz.

Im Forum werden bestimmt auch die 17 nachhaltigen Ziele für Entwicklung der Uno-Mitgliedsstaaten diskutiert. Gibt es Ziele, die Sie besonders beschäftigen?
Es mag erstaunen, dass mir persönlich die Ziele 10 (reduced inequalities) und 16 (Peace, justice, institutions) als Landschaftsforscher, der ich von meiner Herkunft bin, am meisten am Herzen liegen. Nachhaltige Landnutzung braucht ein gutes institutionelles Setting, etwa ein funktionierendes System von Grundbüchern, wo Landbesitz bei Kleinbauern festgehalten ist. Nur starke Institutionen ermöglichen es, die Ungleichheit zu reduzieren, Landschaftsschutz durchzusetzen und ermöglichen es der Bevölkerung, Verantwortung für die Landschaft zu übernehmen.

Wird die Klimajugend im Forum eine Stimme bekommen?
Die Anliegen der Klimajugend sind im FoLAP implizit drin, nur sind wir aus ihrem Blickwinkel sicher zu wenig subito.

Warum?
Wir sind der Wissenschaftlichkeit verpflichtet – wissenschaftliche Argumentation geht langsamer als Aktivismus. Zum Glück kann die Klimajugend von der Klimaforschung der letzten 30 Jahre profitieren. Das hoffe ich auch für unsere Landschafts- und Alpenforschung, wenn dann die «Landschaftsjugend» auf die Strasse gehen wird. Auf diesen Zeitpunkt müssen wir vorausschauend hinarbeiten...

Interview: Franca Siegfried

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